Ich bin ein Nerd. Musik, Games, Filme. Im alltäglichen Leben schaffe ich es ganz gut mich zu tarnen, doch irgendwo muss ich meinem Output-Drang freien Lauf lassen. Dies ist mein Blog. Meine Spielwiese. Kritiken, Einschätzungen, Kommentare. Hier lasse ich alles raus! Willkommen in meinem Kopf! Willkommen bei "A Nerd's Mind"!
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Mittwoch, 10. Dezember 2014
Getestet: Never Alone (PS4)
Der Schnee ist tief und das kleine Mädchen hat alle Mühe mit den kurzen Beinen hindurchzustapfen. Hinter ihr, elegant und geschickt, der Polarfuchs, der sie durch den Schneesturm hinweg begleitet. Der Wind ist eisig und fegt rau über die Schneefelder und Eisscholen. Das Mädchen muss sich die Kapuze festhalten, damit er sie nicht vom Kopf bläst. Es ist eine trostlose Szenarie, durch die die beiden sich allein gelassen den Weg bahnen. Und doch sind sie nie allein, weil die Natur bei ihnen ist. Als helfende Kraft und lebensgefährdende Bedrohung.
Das Mädchen und der Fuchs sind unzertrennlich. Freunde und Partner im Alltag. Es ist nicht untypisch in Alaska sich ein solches Tier als Haustier zu halten, so erzählt mir ein Mann in einem Video. In einem Video?
Genau, denn "Never Alone" ist nicht nur ein Videospiel, sondern mehr als das. Es ist gleichzeitig eine Lehrstunde. Eine Dokumentation, die mir neben den Spielanteilen auf Wunsch in kleinen Videos die Kultur und das Leben der Inuit näherbringt. Denn das kleine Mädchen - ihr Name ist Nuna - ist eine Angehörige dieses Volkes und lebt mit ihrem Stamm inmitten der Schnee- und Eiswüsten. Wie man in dieser für Menschen nicht besonders freundlichen Umgebung überleben kann, klären mich echte Inuits in den dokumentarischen Kurzfilmen (sie sind nie länger als 2-3 Minuten) auf. Upper One Games, die Entwickler des Spieles haben sich die Mühe gemacht und eine kleine Dokumentation über das Volk und ihr Leben, sowie Sagen und Mythen in ihrer Kultur gedreht. Dieses Material teilten sie in 24 kurze Videos, welche man im Laufe des Spiels freischalten kann. Das Schöne ist dabei, dass viele der behandelten Themen in die Spielmechanismen von Never Alone Einzug erhalten. Dies gibt dem Spiel Tiefe und veranschaulicht die Informationen der Dokumentation auf spaßige Art und Weise.
Doch zurück zu Nuna und ihrem Fuchs: Warum kämpfen sich die beiden überhaupt durch einen Schneesturm? Der Grund ist ebenso dramatisch wie nachvollziehbar: Nunas Dorf wurde von einem ungeheuerlich aussehenden Mann niedergebrannt, die Einwohner vertrieben oder getötet. Die genaue Motivation des Mannes bleibt unbekannt. Von einer mystischen Gestalt - dem Eulenmann - erfahren wir, dass er etwas suchte. Was genau es jedoch war, dass weiß er selber nicht.
Die kleine Nuna hat kein Zuhause mehr und keine Freunde oder Familie, die in der Kultur der Inuits den wohl höchsten Stellenwert besitzen. Daher macht sich das Mädchen mit ihrem tierischen Begleiter auf, um nach den Verbliebenen zu suchen. Und dann wäre da noch das Mysterium des zerstörerischen Windes zu lüften, der dem Dorf schon seit längerer Zeit zu schaffen macht und das Überleben zu einem harten Kampf hat werden lassen.
Das Spiel selber gestaltet sich als ein simples 2D-Jump n' Run mit Rätselelementen und kooperativem Modus. Befinden sich lokal zwei Spieler an einer Konsole, so kann jeder eine der beiden Figuren übernehmen. Spielt man alleine, so kann man auf Knopfdruck zwischen den Charakteren wechseln - die nicht gesteuerte Figur übernimmt dann der Computer.
Man läuft, hüpft und klettert durch Schnee und Eis und versucht nach und nach das Mysterium des Windes zu lösen und die Familie der kleinen Nuna zu finden. Dabei geraten die beiden Freunde nicht selten in Gefahr, doch zusammen können sie jede Situation meistern. Der Fuchs kann besonders gut klettern und aufgrund seiner Größe passt er durch jedes noch so enge Loch. Nuna ist stark und kann Dinge schieben und mit ihrer Wurfwaffe Eis zertrümmern. Somit müssen die Charaktere (und gegebenenfalls auch die beiden Spieler) ihre Fähigkeiten kombinieren, um an das Ziel zu gelangen.
Gibt es einmal kein Ausweg mehr, dann kommt die Natur ins Spiel. Denn der Fuchs hat eine besondere Verbindung zur Welt der Naturgeister und kann mit ihnen in Kontakt treten. Diese schemenhaften Gestalten helfen den beiden Abenteurern dann dabei Abgründe und scheinbar unüberwindbare Felswände hinter sich zu lassen. Alle Charaktere, Geister und Wesen auf die ihr trefft haben irgendetwas mit der Mythologie und Kultur der Inuits zu tun. Selbst die Nordlichter, die den Himmel wunderschön überziehen sind eigentlich Geisterkinder, die über den Abendhimmel huschen und unachtsamen Inuitkindern die Köpfe abreißen, sofern diese nicht - wie von Mutter befohlen - ihre Kapuzen übergestreift haben. Diese und viele andere Geschichten erzählen uns echte Inuits in den vielen kleinen Interviewsituationen in den Doku-Videos. Ingesamt haben rund 40 Stammesangehörige dabei geholfen das Spiel mit Informationen zu füttern. Zudem sehen wir sie in den Interviews wieder, auch wenn die meisten von ihnen schon durch die westliche Kultur beeinflusst wurden und nur noch Erinnerungen an das wahre Stammesleben haben. Was sie jedoch zu erzählen haben ist faszinierend und fremd, sodass gerade die vielen kurzen Filmchen einen enormen Ansporn zum Weiterspielen darstellen.
Never Alone ist spielerisch sehr simpel. Oft wirkt es nur als spielerisches Konstrukt, welches man der Doku überzog, um beide Welten miteinander zu einem interaktiven, aber eben auch lehrreichen Abenteuer zu verbinden. Steuerung, sowie Rätsel- und Sprungpassagen sind sehr simpel gehalten und erfordern meist nicht mehr als ein paar Sekunden bis man den Lösungsweg erkannt hat. Doch das ist nicht weiter schlimm, denn der Ablauf aus Spiel und filmischer Info-Häppchen ist angenehm flüssig und befriedigt mit schnellen Erfolgserlebnissen, was Never Alone auch zu einem Spiel für das jüngere Publikum macht, aber eben nicht nur für dieses. Denn während Kinder sich wohl vor allem an den Spielpassagen und den knuffigen - zum Teil aber auch durchaus furchteinflößenden - Figuren erfreuen, bieten gerade der Doku-Part und die gefühlvolle Geschichte genug Anreize, um auch als erwachsener Spieler in das Abenteuer einzutauchen und sich von der Atmosphäre und der liebevollen, märchenhaften Kulisse faszinieren zu lassen. Denn letztendlich ist Never Alone vor allem eines: Ein Märchen. Magie, Freundschaft und der Kampf gegen das Böse sind Kernelemente des Spiels - die Geister und Fabelwesen, die man auf der Reise trifft verstärken den Effekt der exotischen, positiv fremd wirkenden Erzählung.
Zudem lädt der Koop-Aspekt förmlich dazu ein das Spiel zu zweit zu genießen. Und gerade als Einzelspieler merkt man leider, dass das auch der heimliche Wunsch der Entwickler war. Spielt man alleine, so ist die KI des gerade nicht ausgewählten Charakters nicht unbedingt fehlerfrei und verschuldet den ein oder anderen frustigen Moment, wenn sie mal wieder ins Leere springt, auf Dinge klettert von denen sie sich eigentlich fern halten sollte oder einfach nutzlos in der Gegen herum steht. Diese Momente sind nicht allzu häufig, mehren sich aber gerade zum Ende des Spieles hin, wenn die Rätsel komplexer werden und häufiges Wechseln zwischen Nuna und dem Fuchs gefragt ist.
Abseits davon ist das Spiel wirklich simpel. Die Rätsel beschränken sich oft darauf Kisten richtig zu schieben und Geister korrekt zu positionieren, sodass man durch gezielte Sprünge schnellstmöglich sicheren Boden unter den Füßen bekommt. Während man alleine durch Schwierigkeiten der KI einige Male scheitern wird, sollten gerade zwei Spieler die Passagen noch problemloser meistern können.
Man sollte also nicht erwarten, dass Never Alone jemals zur spielerischen Herausforderung mutiert. Das Spiel hat den Fokus darauf gelegt seine Geschichte zu erzählen und die Welt und Kultur der Inuits zu präsentieren, während alle Spielelemente simpel bleiben. Innovationen und frische Ideen sucht man im Spieldesign vergebens, aber wenn man an daran interessiert ist Geschichte und Hintergründe zu erfahren und einfach mal nach der Arbeit in eine fremde Welt einzutauchen ohne von Frust und Komplexität begeleitet zu werden, dann wird man sie nicht vermissen.
Wirklich toll gelungen ist den Entwicklern die grafische Präsentation und die liebevollen Animationen der beiden Hauptfiguren. Nuna und ihr Begleiter sind einfach nur putzig anzusehen und es gibt genug Momente, die dem Spieler aufgrund der freunschaftlichen Verbindung der beiden Nahe gehen werden. Oft genug wird es sogar sehr emotional und im letzten Drittel des Spieles erwartet uns ein Twist, der so nicht vorhersehbar ist und das Spiel dann doch nochmal um das ein oder andere Spielelement erweitert (aufgrund von Spoilern gehe ich nicht weiter darauf ein).
Die märchenhafte Geschichte und die vielen liebevoll zusammengesuchten und inszenierten Hintergrundinformationen sind, was das Spiel trotz seiner gameplaytechnischen Eindimensionalität dann doch zu etwas ganz Besonderem machen. Allein schon die vielen sympathischen Inuits, denen man in den Dokusequenzen lauschen kann verpflichten interessierte und aufgeschlossene Spieler zu einem Kauf.
Und gerade Kinder werden durch die liebevolle grafische und musikalische Präsentation, sowie den niedrigen Schwierigkeitsgrad und die fairen Rücksetzpunkte schnell Zugang zum Spiel finden.
Das Spiel ist eine besondere, märchenhafte Erfahrung und gerade perfekt für kalte Winterabende, an denen man im mollig warmen Zuhause die Situation der Figuren in den bitter kalten Eiswüsten nachvollziehen kann. Es ist mehr Märchen und mehr Lehrstunde als ein ausgefeiltes Spiel. Jedoch sind die Spielelemente kurzweilig genug um nicht zu langweilen und zumindest zu zweit nie frustrierend. Alles in allem ist Never Alone vielleicht kein besonders gutes - weil anspruchs- und innovationsloses- Videospiel, jedoch ist es eine besondere Erfahrung, eine interaktive Lehrstunde und ein Ticket in eine fremde Welt, die so fremd und faszinierend ist, dass man sie durchaus an sich heranlassen sollte. Spielerisch müsste man hier vielleicht die 5 Punkte zücken. Nimmt man jedoch die Dokumentation, die Präsentation, die liebevolle Geschichte und Präsentation, sowie die Hingabe der Entwickler zum Thema hinzu, so fällt die Wertung ein ganzes Stück höher aus. Und da es viel zu wenig Spiele gibt, die diese Elemente mit so viel Liebe umsetzen, habe ich keine Probleme eben diese höhere Wertung zu zücken.
7/10
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Montag, 8. Dezember 2014
Gesichtet Kompakt: Oculus
"The Prodoucer of Paranormal Activity and Insidious presents" prangt groß auf dem Kinoplakat des ersten Kinowerks von Regisseur Mike Flanagan. Kennt ihr nicht? Kein Wunder, hat er doch zuvor nur unterdurchschnittlich den Direct-to-DVD-Markt beliefert. Warum sein Film rund um einen mordenden Spiegel ("Mirrors" lässt grüßen) doch sehenswert ist, fasse ich kurz einmal für euch zusammen.
Das Geschwisterpärchen Tim (Brenton Thwaites) und Kaylie Russell (Karen Gillan) haben im Kindesalter ihre Eltern verloren. Doch die Umstände waren nicht ganz alltäglich. Ihr Vater quälte ihre Mutter zu Tode und sperrte sie bis zu ihrem Dahinscheiden in ein Zimmer im ersten Stock. Als er seine Schwester angreift, erschießt Tim seinen Erzeuger und wandert für einige Jahre in eine psychatrische Anstalt. Von Außen wirkt der Fall wie eine Familientragödie, aber Kaylie weiß mehr: Die Tode ihrer Eltern haben etwas mit dem gruseligen alten Spiegel zu tun, der passenderweise im Arbeitszimmer des Vaters hing.
Viele Jahre später wird Tim aus der Anstalt entlassen und von Kaylie eingesammelt. Das Wiedersehen verläuft kurz und schmerzlos, denn Kaylie hat den Spiegel wiedergefunden und nun nur noch ein Ziel: Er muss zerstört werden!
Dazu hat sie den alten Trümmer in ihr ehemaliges Elternhaus gebracht und dieses so präpariert, dass es eine einzige große Falle für das dämonische Möbelstück darstellt. Überall sind Kameras aufgestellt, Indikatoren für dämonische Präsenzen wurden in jedem Zimmer verteilt, um einen möglichen Spuk anzuzeigen und zu guter letzt installierte sie noch einen Selbstzerstörungsmechanismus, welcher den Spiegel automatisch zerstört, sollten die Geschwister während des Projektes dahinscheiden.
Die Dokumentation des Geschehens im Haus ist Kaylie besonders wichtig, um Zweiflern zu beweisen, dass der Spiegel das Böse beinhaltet. Nicht zuletzt ihrem Bruder, welcher durch jahrelange Therapien nun die öffentlich verbreitete Version seiner Familiengeschichte glaubt und die Version mit dem bösen Möbelstück für lächerlich hält. Doch wie es das Schicksal will, soll er bald eines besseren belehrt werden.
Müsste man Oculus nach seiner ersten Hälfte beurteilen, so wäre der Film wahrscheinlich ziemlich abgestraft worden, denn hier bekommt der geneigte Zuschauer viel zu viel Altbekanntes und müde Präsentiertes vorgesetzt. Die Vorgeschichte, die weitestgehend eine Zusammensetzung aus Ideen anderer Filme (Mirros, Shining, Insidious) ist, langweilt nicht zuletzt wegen billiger Jumpscares der Marke "Ich lasse mal mit lautem Geräusch jemanden ins Bild laufen". An diesen Stellen merkt man deutlich die Herkunft des Regisseurs, welcher diese Momente nicht nur extrem vorhersehbar inszeniert, sondern auch eher mittelmäßig bis schlecht timed.
Der Film springt immer wieder zwischen zwei Zeitebenen hin und her und zeigt uns die beiden Geschwister in der Gegenwart, welche den Spuk ein für alle mal beenden wollen und die Familie kurz nach dem Einzug, als der Spiegel anfängt Einfluss auf den Vater zu nehmen, was letztendlich in der Tragödie mündet.
Anfangs sind diese Zeitsprünge noch sehr klar voneinander getrennt, doch gerade in der zeiten Hälfte des Filmes verschwimmen immer öfter die Ebenen miteinander, was den Film deutlich aufwertet und einige nette Spielereien ermöglicht.
Mike Flanagan nimmt sich hier viel Zeit um die Hintergründe zu erklären und Charaktere einzuführen, sowie die Konflikte untereinander deutlich zu machen. Gerade in diesen Phasen wirken die oben schon erwähnten Jumpscares sehr deplatziert; fast schon so, als wurden sie nachträglich noch in das Drehbuch eingefügt. Doch das hatte der Film gar nicht nötig, denn gerade dieser ruhige Aufbau hätte der zweiten Hälfte, in der es dann darum geht sich dem Spiegel zu entledigen, während der sich mit aller Kraft wehrt gut getan.
So kämpft Oculus bis zur Filmmitte mit dem Abschalten, nur um dann plötzlich eine Kehrtwende zu machen und mit einigen tollen Szenen und Verwirrspielen zu glänzen und die Story passend zu inszenierten und mit einem Knall abzuschließen. Die Halluzinationen, mit denen das Möbelstück sich wehrt bringen die Teenager an den Rand der Verzweiflung und sind definitiv das grausige Highlight des Filmes (richtig fies, Stichwort: Glühbirne), welcher mit Blut sehr sparsam umgeht, dafür aber mit deformierten Fratzen nicht geizt, welche hin und wieder zwar leicht billig animiert aussehen, ihre Wirkung aber nicht verfehlen.
So rettet Hälfte Nummer zwei den Film aus der Mittelmäßigkeit und kann mit Tempo und Twists einige anerkennbare Akzente setzen. Die Schauspieler Thwaites und Gillan, welche den Film zu großen Teilen alleine tragen müssen, liefern einen guten Job ab. Gerade Gillan ist in ihren obsessiven Momenten wirklich großartig.
Was man dem Film noch ankreiden könnte ist, dass er gut 10 Minuten zu lang ist. Hin und wieder bemerkt man Längen in der Inszenierung und die ein oder andere Szene wirkt deplaziert, was dann doch zu kleinen aber bemerkbaren Abzügen in der Spannungskurve führt.
Oculus ist mal wieder kein ganz großer Wurf im Gruselkino und gerade die erste Hälfte wird viele Genre-Fans enttäuschen und langweilen. Doch am Ball bleiben lohnt sich, denn letztendlich wird man mit einigen tollen Einfällen und Szenen belohnt. Der Film ist weder kreativ, noch wirklich gruselig (zumindest wenn man mit dem Genre vertraut ist), schafft es aber durch interessante Momente und die ein oder andere fiese Stelle die Aufmerksamkeit des Betrachters bis zum Schluss für sich zu gewinnen. DEN einen großen Horrorfilm wird es 2014 wohl nicht mehr geben, und wer Hunger hat sollte es ruhig mal mit Oculus versuchen.
6/10
Mittwoch, 17. September 2014
Review: Netflix - Was kann Amerikas Nummer 1?
Von vielen heiß erwartet - nun endlich gelauncht: Netflix hat seinen Deutschland-Start hinter sich. Als Freund von Streaming-Diensten habe ich diesem Tag schon längere Zeit gespannt entgegengesehen. Als ehemaliger Kunde von Watchever und Maxdome, sowie Prime-Kunde des Amazon Instant Services habe ich schon genug Erfahrung im Bereich der Streamingplattformen gesammelt, um nun auch den Giganten aus Amerika genauer unter die Lupe nehmen zu können.
Natürlich eilt Netflix sein Ruf als großer Anbieter und Besitzer von hochkarätigen Serien wie House of Cards, Orange is the new Black oder From Dusk till Dawn voraus, jedoch wurde der Start in Deutschland ja schon im Voraus von den Besitzern des Streaming-Portals heruntergespielt. Man wisse um die Konkurrenz und hat gar nicht den Anspruch an sich selber direkt von Null auf die Top-Ränge zu schießen. Vielmehr hat man kein Problem damit längere Zeit der Underdog zu sein und den Konkurrenten weiterhin die größeren Marktanteile zu überlassen. Klassisches Understatement oder ehrliche Einschätzung? Im Vorfeld ist dies kaum einzuschätzen gewesen. Nun nach Launch der Plattform kann man sich langsam anschicken diese Frage zu beantworten. Doch zunächst fangen wir vorne an!
Die Anmeldung lief schnell und problemlos. Netflix bietet dem Benutzer drei verschiedene Pakete an, sodass jeder Nutzer ein passendes für den Umfang seines Konsums finden dürfte:
7,99 € für Standart Definition auf einem Gerät
8,99 € für High Definition auf bis zu zwei Geräten gleichzeitig
11,99 € für Auflösungen bis zu 4K auf bis zu vier Geräten gleichzeitig
Was mir als Nutzer anderer Dienste zunächst auffiel ist, dass die Preise nicht sonderlich stark von denen der Konkurrenz abweichen. Maxdome bietet ein HD-Paket mit Zugriff auf viele Serien und Filme für 7,99 € im Monat an, Watchever das Komplett-Paket für 8,99 €. Watchever ist beschränkt auf drei Geräte gleichzeitig, während Maxdome nur ein Gerät erlaubt. Beide Dienste bieten maximal HD-Auflösung, wodurch 4K ein Alleinstellungsmerkmal für die Amerikaner bleibt.
Bezahlt wird bequem per PayPal oder Kreditkarte. Der Vertrag kann ist monatlich über die Seite kündbar und hat keinerlei Fristen, so wie es auch bei Watchever der Fall ist. Auch Maxdome kann man jederzeit kündigen, jedoch muss man dazu die Hotline des Anbieters kontaktieren.
Netflix stellt sich somit zwar als kostspieligster Streaming-Dienst heraus, bietet jedoch faire Pakete zu fairen Konditionen, die auf Augenhöhe mit den Mitbewerbern sind. Doch was viel entscheidender ist: Was für ein Angebot bekommt man für diesen Preis und wie wird sich der Dienst in Zukunft präsentieren und vergrößern?
Wie auch die Konkurrenz-Produkte lässt sich Netflix auf allen gängigen Geräten installieren. In meinem Fall habe ich mir die Apps auf iPhone, iPad und Playstation 4 gezogen, um die Möglichkeit zu haben überall auf das Angebot zurückgreifen zu können. Beim Starten zeigt sich direkt: Auf allen Geräten hat man sich Gedanken über die Handhabung gemacht. Während ich gerade bei der Maxdome-App auf jedem Gerät Probleme mit der Navigation und der Stabilität hatte, läuft hier alles glatt. Die App startet schnell und zuverlässig, die Navigation fällt durch große Druckflächen und übersichtliche Anordnung der Symbole leicht. Dies gilt sowohl für die Apple-Geräte, als auch für Sonys Konsole. Gerade auf dem iPad und dem iPhone lobe ich bewusst die Navigationselemente außer- und innerhalb des Streams, da sie groß genug aufgefallen sind um mit jeder Fingegröße sehr genau zu navigieren.
Netflix erlaubt mir verschiedene Profile für Familienmitglieder zu erstellen, die sich alle unabhängig voneinander formen lassen. Durch Bewertungen von Filmen und Serien findet der Dienst heraus, welche Titel aus dem Angebot mir ebenfalls gefallen könnten und stellt sie in einer Empfehlungsliste zur Schau, so wie man es auch von anderen Anbietern kennt. Jedoch kann hier jedes Familienmitglied sein eigenes Profil haben und wird nicht von Bewertungen anderer Personen beeinflusst. Für Kinder kann man Sicherungen konfigurieren, sodass nur geeignete Inhalte abgespielt werden können.
Doch letztendlich steht und fällt ein Streaming-Dienst mit seinem Angebot. Zugegebenermaßen habe ich Maxdomes Angebot nicht von Anfang an verfolgt, sondern bin verhältnismäßig spät bei diesem Dienst eingestiegen, jedoch kann ich Watchever als Vergleich zur Seite ziehen.
Dieser Vergleich könnte jedoch leicht unfair sein, denn im Gegensatz zum deutschen Streaming-Dienst, der aus dem Nichts kam, kann sich Netflix durch seine amerikanische Dominanz an einem reichhaltigen Serien-Angebot bedienen, welches den Dienst - und das kann man jetzt schon sagen - für Fans der episodenhaften Unterhaltung von Null auf Eins katapultieren sollte. Nirgends gibt es so viele hochqualitative Serien auf einmal. The Walking Dead, Breaking Bad und Prison Break sind hier ebenso vertreten wie Sherock, Gossip Girl, New Girl oder Big Bang Theory. Hinzu kommen viel Serien, die mit Netflix ihr deutsches Streamingdebut feiern: Sons of Anarchy, House of Cards, Orange is the new Black oder American Horror Story. Zudem gibt es von Start an sogar Serien die erstmalig im deutschen Raum verfügbar sind und das Neflix-exklusiv, wie zum Beispiel Fargo - die Erfolgsserie zum Kultfilm der Coen-Brothers - oder From Dusk till Dawn. Da fällt es schwer dieses Angebot zu betrachten ohne sich sofort darin zu verlieben. Bis auf den Serien-Primus Game of Thrones wird hier wohl kaum jemand etwas vermissen. Und auf diesem Bereich muss man Netflix dann auch klar als Sieger darstellen und darf als Konsument von einer glorreichen Serien-Zukunft träumen, denn es wird wohl noch einiges nachkommen.
Doch wie sieht es mit den Filmen aus? Hier schwächelt Netflix so kurz nach dem Launch noch. Es gibt viele tolle Filme und viele große Namen, jedoch ist das Angebot noch sehr überschaubar und Alleinstellungsmerkmale sind in diesem Bereich nicht zu erblicken. Wer in erster Linie Filme streamen möchte, dem sei geraten derzeit noch auf Maxdome zurückzugreifen, da dort das Angebot durch die lange Existenz breiter und umfangreicher ist. Netflix startet in jeder Genre-Kategorie mit einigen Händen voller Film, innerhalb eines Monats wolle man das Angebot mindestens verdoppeln. Man kann hier fast schon sicher sagen, dass die Sammlung sich schnell vergrößern wird, jedoch würde ich reinen Film-Konsumenten erst einmal zu einem Maxdome-Abo raten, bis sich Netflix in der Film-Sparte vergrößert hat.
Zu loben ist die klare Genre-Aufteilung mit bewusst betonter Unterkategorie des deutschen Films, den Netflix auch in Zukunft in seinem Angebot eine Plattform geben möchte. Das gilt auch für Serien wie Pastewka oder Stromberg, die schon im Angebot enthalten sind.
Was mich zudem gefreut hat ist, dass man als Konsument auch eine Stand-Up-Comedy-Sparte angeboten bekommt. Die ist zwar noch spärlich besetzt, jedoch findet man schon deutsche Comedians wie Kaya Yanar und Dieter Nuhr - die mich jedoch weniger interessieren - ebenso wie amerikanische Stand-Up-Akteure wie Kevin Hart oder Gabriel Iglesias vor, die ich gerne einmal in ihren Performances erleben wollte und nun endlich erleben darf. Hier hoffe ich auf prominente Erweiterung des Angebots auf nationaler, wie internationaler Ebene.
Über kurz oder lang attestiere ich Netflix eindeutig das Potential mit Maxdome gleichzuziehen oder sogar der neue Streaming-König in Deutschland zu werden. Was das Serien-Angebot angeht ist der Kampf sogar jetzt schon gewonnen. Serienjunkies werden an Netflix wohl kaum vorbei kommen, wenn sie die Objekte der Begierde per Stream konsumieren wollen. Desweiteren bleibt abszuwarten wie sich die Film-Sparte entwickeln wird und in welchen Intervallen und Umfängen der Nachschub geliefert wird.
Das Understatement, welches zu Beginn von den Netflix-Bossen gegeben wurde, hat der Dienst jedoch nicht nötig. Die Qualität des Angebots überzeugt im Serienbereich jetzt schon, im Filmbereich darf man auf Grund der Erfahrung und des Einflusses optimistisch auf eine schnelle Vergrößerung sein und was die Bedienung und die Stabilität der Apps angeht ist Netflix unter Garantie jetzt schon auf einem Niveau mit den Besten seiner Art.
Kurz gesagt: Lohnt sich das Netflix-Abo? Für Serien-Fans: Ja! Für Film-Fans: In 2-3 Monaten!
Dienstag, 26. August 2014
Getestet: HOHOKUM
Seit dem Super Game Boy bin ich leidenschaftlicher Gamer. Ich habe nun vier Konsolengenerationen hinter mir, hunderte von Spielen gespielt und eine nicht mehr zu greifende Zahl an Stunden in virtuellen Welten verbracht. Obwohl ich erst Mitte zwanzig bin, fühle ich mich nicht selten wie ein Gaming-Rentner. Der Satz "Früher war alles besser" ist mir nicht selten über die Lippen gerutscht und obwohl das Hier und Jetzt wohl die bisher beste Zeit ist, um Videospiele zu spielen, erinnere ich mich oft mit Wehmut an die späten Neunziger und die ersten Jahre nach der Jahrtausendwende. In gewisser Weise fehlt mir vielleicht der Minimalismus, die begrenzten Möglichkeiten - ob grafisch oder spielerisch - und der Blick mit Kinderaugen auf diese viruellen Welten, der alles noch nicht so berechnend sah, sondern sich von der Magie gefangen nehmen ließ. Nicht falsch verstehen: Ich würde nie im Leben mein Dark Souls, mein Bioshock oder mein GTA 5 gegen mehr Spiele der alten Machart tauschen, aber der Zauber ist schon ein wenig verflogen. Und doch gibt es Momente, da lebt er wieder auf und ich spüre die Emotionen, die mich damals durch Titel wie Super Mario, Zelda und Banjo Kazooie begleitet haben. Das dies gerade ein kleines Indie-Game schafft, hätte ich zuvor nicht gedacht.
Den Stick meiner Vita und zwei Knöpfe. Mehr brauche ich nicht um Hohokum zu spielen. Ohne ein Wort werde ich in eine Spielwelt geschmissen, in der ich die Kontrolle über ein schlangenartiges Wesen übernehme, dessen Kopf nur aus einem Auge besteht und dessen Körper willkürlich und ununterbrochen durch alle Möglichkeiten der Farbpalette wechselt. Meine Aufgabe? Hätte man mich zu dem Punkt des Spieles gefragt: Keine Ahnung!
Hohokum will entdeckt werden. Das Schlangenwesen fliegt druch eine Welt bestehend aus vielen kleinen Orten, welche durch Portale miteinander verbunden sind. Jeder dieser Orte erzählt eine kleine Geschichte und hält eine Kernaufgabe parat, welche es zu lösen gilt. Was diese Aufgabe ist und wie man diese löst, das muss der Spieler selbst herausfinden. Man fliegt einfach mit dem sich stets windenden Protagonisten des Spieles durch die Gegend und schaut was passiert. Aufmerksamkeit ist wichtig. Geduld. Auffassungsgabe und Fantasie. Die Bewohner dieser kleinen Welten reagieren auf die Schlange, ebenso wie manche Gegenstände. Diese Interaktion wird lediglich durch simples Überfliegen ausgelöst. Mal schubst man Vasen um, mal bringt man kleine bunte Kreaturen an gewünschte Orte. Dabei weiß man selten, was man gerade tut. Man erforscht die Aufgabe ebenso wie die Umgebung. Man sucht nach Geheimnissen und Antworten, in der Hoffnung das Universum von Hohokum wenigstens ein wenig zu verstehen.
Jede Umgebung hat ein Thema. Im Laufe des Spieles erforsche ich Höhlen, bizarre Meerwelten, wohne einer Hochzeit bei oder schwebe durch einen unübersichtlichen Vergnügungspark, immer auf der Suche nach der Idee, die sich hinter dem jeweiligen Ort versteckt. Dabei erfreue ich mich an jeder Interaktion, an jeder Bewegung der witzigen Wesen und an jedem Schritt, der mich der Lösung näher bringt.
Warum springen die grünen Kerle auf meinen Rücken und lassen sich durch die Gegend tragen? Huch, einer von ihnen nimmt den Tannenzapfen, über den ich geflogen bin? Jetzt springt er über einer kleinen Plattform ab und entrollt einen Drachen aus dem Tannenzapfen, den er steigen lässt! Dann werden die anderen Wesen es ihm wohl gleich tun wollen!
Dieses von Aha!-Erlebnissen begleitete Erkunden macht den Reiz des Spieles aus und schloss mich für rund 8 Stunden in den pastellfarbigen Welten von Hohokum ein. Es gibt keine Feinde, es gibt kein Scheitern. Es gibt nur die Suche nach der Lösung und den anschließenden Erfolg. Dies macht Hohkum weniger zu einem Spiel, als zu einer Erfahrung. Es gibt keine wirkliche Handlung. Die kleinen Orte erzählen ihre eigenen kleinen
Geschichten und hat man jede davon für sich entdeckt, dann erkennt man, dass es lediglich einen lose zusammenhängenden Überbau gibt, der eine Rahmenhandlung andeutet, alles weitere aber offen lässt. Dies könnte man als den großen Schwachpunkt des Spieles verstehen, der für mich das Erlebnis an sich aber nicht trübte.
Dafür macht das Spiel andere Dinge auch einfach viel zu gut. Die Welten sind lebendig und fantasievoll. Sie wollen entdeckt werden und belohnen den Spieler mit vielen kleinen Geheimnissen und Reaktionen. Es gibt einige Überraschungen zu finden und zusätzliche, optionale Rätsel zu lösen, sofern man sich darauf einlassen möchte. Alles wirkt lebendig, bizarr und frisch, sodass man bei jeder Welt aufs neue die Neugier spürt sie zu verstehen.
Der geniale farbenfrohe und abwechslunsgreiche Stil des Spieles ist hierbei nahezu einzigartig und ließ mich immer wieder Staunen, wie viel Wirkung man mit wenigen Mitteln entfalten kann. Man muss schon selber durch die bunten Wälder, Städte und Fabriklandschaften fliegen, um wirklich zu verstehen was ich meine.
Begleitet wird das Spiel von einem der wohl besten Soundtracks, die ich in Spielen bisher hören durfte. Das Musiklabel Ghostly International steckt hinter diesen Meisterstücken und ließ seine Künstler traumhafte elektronische Soundkulissen kreiern, die mittlerweile allesamt den Weg auf meinen iPod gefunden haben. Namenhafte Künstler wie Tycho oder Com Truise haben hier ganze Arbeit geleistet und lassen ihre Klänge perfekt mit den andersartigen, knallbunten Umgebungen verschwimmen. Kopfhörerpflicht!
Es fällt mir wirklich schwer Hohokum angemessen zu charakterisieren und zu umschreiben. Es ist - wie schon erwähnt - kein Spiel im modernen Sinne und wäre es das, dann wäre es kein herausragend Gutes, vielleicht nicht mal ein mittelmäßiges, jedoch schafft es durch den Stil, die Musik, den Mangel an Erklärungen und das geschickte Legen von Erkundungsreizen einen Sog entstehen zu lassen, der ausschließlich positive Gefühle beim Spielen entstehen lässt und zumindest mich absolut gefangen nahm. Das Erkunden, das Entdecken und das Lösen bereitet einfach nur Freude, ebenso wie das Beobachten und Verstehen. Man kann sich zur Musik treiben lassen und einfach drauf los spielen und man wird Erfolge feiern, was in Zeiten von Tutorial-Fluten und Vercasualisierung ein ebenso merkwürdiges, wie befriedigendes Gefühl ist. Müsste man lediglich das Erlebnis und den Stil bewerten, so würde ich hier die absolute Höchstwertung zücken. Jedoch ist Hohokum letztendlich irgendwo immer noch ein Videospiel und ist auf lange Zeit ein wenig zu simpel und abwechslungsarm. Andererseits hat es auch nie den Anspruch erhoben eben dies zu sein, sodass ich Komplexität und Abwechslung kaum vermisst habe, zumal sich die Welten in ihren Aufgaben stark unterscheiden.
Jedoch gibt es da auch noch den Punkt einer fehlenden Rahmenhandlung, welche letztendlich das Mysterium, welches dem Spiel zu Grunde liegt nicht auflöst, sondern Potentielles nur hauchfein andeutet. Vielen Spielern düfte das ein Dorn im Auge sein.
Aber letztendlich muss jeder selber wissen, wieviel Spiel und Geschichte er oder sie zum Glücklichsein benötigt. Ich bin da scheinbar schnell zufrieden, denn ich habe jede Sekunde des Spieles genossen und es mit Kindesaugen erkundet. Und das rechne ich Hohokum wirklich hoch an.
7/10
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Donnerstag, 17. Juli 2014
Gesichtet: The Signal
"The Signal" ist einer dieser Filme, die im Kino landen, ohne dass man es wirklich mitbekommt. Für Regisseur William Eubank ist es der erste Leinwandausflug und auch sein Cast besteht weitestgehend aus Gesichtern, die dem Filmliebhaber auf den ersten Blick wenig sagen, wäre da nicht Laurence Fishburne. Mit diesem wurde der Film dann auch in erster Linie beworben. In Trailern wirkte er meist kryptisch und die Filmposter zeigen klinisch saubere Umgebungen und Menschen in weißen Schutzanzügen. All das in Kombination macht neugierig und so begab ich mich ins Kino, um zu sehen ob der Film außer dem Namen Fishburne noch etwas zu bieten hat.
Über den Film zu sprechen ist ein bisschen wie das Entschärfen einer Bombe. Ist man unvorsichtig, dann zerstört man ihn. Die Geschichte ist sein Kapital und so wäre es an dieser Stelle unangebracht wirklich ausführlich darüber zu sprechen, daher beschränke ich mich auf wenige spoilerfreie Sätze.
Die drei College-Freunde Nick, Haley und Jonah (in der Reihenfolge: Brenton Thwaites, Olivia Cooke und Beau Knapp) sind Hobby-Hacker und seit einiger Zeit frustriert: Ein anonymer Hacker-Konkurrent namens Nomad provoziert sie und führt sie immer wieder vor, indem er ihre Geräte hackt und schelmische Nachrichten hinterlässt. Die beiden Jungs wollen das nicht auf sich sitzen lassen und nehmen den Kampf gegen ihn auf. Die drei Teenager machen sich auf nach Nevada, da Nicks Freundin Haley dort für ein Jahr aufs College gehen möchte. Wie der Zufall es will würde ein Ausflug zu Nomads Standort nur wenige Kilometer Umweg bedeuten und so fällt der Beschluss den Quälgeist vor Ort zur Rede zu stellen. Dort angekommen erwartet die drei Freunde jedoch nur eine verlassene Hütte. Beim Erforschen dieser kommt es zu einem Vorfall und sie verlieren das Bewusstsein.
Als Nick wieder aufwacht befindet er sich in einem Forschungsbunker der Regierung. Angeschlagen und im Rollstuhl sitzend wird er von Dr. Wallace Damon - einem Wissenschaftler - über die Geschehnisse befragt, an die er sich nicht mehr so richtig erinnern kann. Doch irgendetwas scheint an seiner Situation nicht zu stimmen. Wo sind seine Freunde? Warum weicht der Doktor allen seinen Fragen aus? Was ist das für ein seltsames Tattoo auf seinem Arm und wo ist dieser Nomad?
Der Mix Science Fiction-/Mystery-Thriller dürfte "The Signal" wohl passend beschreiben. Was im Trailer recht temporeich aussah entpumpt sich auf der Leinwand als ruhiger, dialoglastiger Film. Gerade der Anfang führt die Charaktere recht detailliert ein, man bekommt ein Gefühl für diese Dreiecksbeziehung. Jedoch gibt es ein Problem: Die Motivation der Gruppe den Hacker zu verfolgen ist einfach nicht nachvollziehbar. Spätestens als sie durch die Einöde fahren und als potentielle Unterkunft eine horrofilmreife Bruchbude vorfinden, entstand für mich ein Bruch, sodass ich mich nicht mehr mit ihnen identifizieren konnte. Zudem ist Hauptfigur Nick der unsympathischste und uninteressanteste von den drei Teenies. Da hilft auch nicht, dass man ihm mit einem Unfall in der Vergangenheit - welcher ihn nun nur noch auf Krücken laufen lässt - versucht etwas Tiefe zu verleihen. Der leicht abgedrehte Noah oder Nicks Freundin Haley wirken einfach zu jedem Zeitpunkt interessanter.
Dieses Problem rückt jedoch in den Hintergrund, sobald die Story wirklich in Fahrt kommt. Ab dem Punkt, an dem Nick in der Forschungsstation aufwacht zieht die Spannungskurve an. Viele Fragen werden aufgeworfen und zunächst nicht geklärt. In erster Linie besteht der Mittelteil aus Gesprächen zwischen Fishburnes Charakter Dr. Damon und Nick, welche meist noch mehr Fragen mit sich bringen, als das sie Antworten liefern. Dies in Kombination mit der unheilvollen Atmosphäre und der bedrückenden klinischen Sauberkeit des Umfeldes weckt Interesse und - und das darf noch verraten werden - sobald Nick die Basis verlässt, lässt der Film seine Dialoglastigkeit hinter sich und wird temporeicher und spannender. Das Pacing des Filmes weiß also durchaus zu gefallen, auch wenn es sich gerade gegen Ende dann doch einen dicken Patzer leistet, denn während der Rest des Streifens sehr detailverliebt und ruhig ist, überschlägt er sich gegen Ende regelrecht, fast so als ob man das Finale plötzlich schnell samt Lösung abdrehen musste. Das hat zur Folge, dass gerade der Schluss die größte Schwäche des Filmes darstellt und letztendlich den Eindruck einer solide, spannend erzählten Story trübt. Zudem ist die große Enthüllung dann doch etwas zu unspektakulär, um wirklich zu befriedigen. Ein solcher Film steht und fällt mit der Auflösung und wird diese verbockt, dann verliert der Rest des Filmes ebenfalls an Qualität, auch wenn diese gerade für eine Produktion mit verhältnismäßig niedrigem Kinobudget im Falle "The Signal" sehr ordentlich war.
Und das gilt gerade für die Optik des Filmes. Er wirkt sehr durchstilisiert und ästhetisch. Die hervorragende Kameraarbeit fängt die Szenarie immer wieder aus tollen Winkeln ein - spektakuläre Canyonlandschaften und exotischere Einstellungen inklusive. Untermalt von einem wirklich tollen elektronisch-melancholischem Soundtrack entstehen hier tolle atmosphärischen Aufnahmen, gerade wenn der Film die Vergangenheit der Charaktere zeigt und gefühlvolle Zeitlupen gepaart mit schönen Klängen serviert. Die Fähigkeiten einen gut aussehenden, stlistisch kreativen und ansprechenden Film zu erschaffen hat William Eubank definitiv und dies macht den Film zumindest auf Bild- und Klangebene zu einer ebenbürtigen Konkurrenz für größer budgetierte Genre-Kollegen. Im Storytelling und Pacing muss er jedoch ganz klar nochmal die Schulbank drücken, denn hier sitzen gegen Ende - wie schon angesprochen - die großen Fehler.
Kein Fehler hingegen war die Besetzung der Hauptcharaktere. Die drei "No-Names", die die Rollen von Nick, Haley und Jonah besetzen waren die richtige Wahl. Sie lösen ihre Aufgabe souverän und ansprechend und gerade Beau Knapp als leicht abgedrehter Nerd macht Spaß. Brenton Thwaites hat im Cast leider die etwas undankbare Rolle erwischt. Zwar spiel er den Protagonisten, jedoch ist sein Charakter einfach langweilig und unsympathisch, was wohl den Drehbuchschreibern zuzuschreiben ist. Thwaites gibt sich sichtlich Mühe diese Charakterhülle mit Leben zu füllen, man hat aber stets das Gefühl, dass er unter den richtigen Bedingungen mehr hätte geben wollen und können.
Ebenfalls problematisch ist die Rolle von Laurence Fishburne, denn er hat einfach zu wenig zu tun. Zwar ist seine Screentime sehr ordentlich, jedoch besteht diese zumeist nur aus Gesprächen, in denen er ruhig und relativ ausdruckslos auf Nick einredet. Ein Schauspieler von diesem Kaliber ist mit dieser Rolle einfach unterfordert und so gelingt es ihm nur selten wirkliche Highlights zu setzen, jedoch gibt er in seinem Rahmen sein Bestes. Ein paar brilliantere Momente hätte man ihm jedoch durchaus in die Skripte schreiben können.
"The Signal" hat es mir nicht einfach gemacht. Auf der einen Seite stehen die Optik, der Soundtrack und eine über weite Strecken spannende Geschichte mit viel Potential, die gekonnt in Szene gesetzt wurde. Auf der anderen Seite wirkt das Ende dahingeschludert, die Dialoglastigkeit legt Schwächen in der Charakterzeichnung frei und gerade Laurence Fishburne ist nicht der Trumpf des Filmes, sondern lediglich ein großter Name, da seine Rolle ihn seine stärken nicht ausspielen lässt. Science-Fiction Fans bekommen hier recht spannende 95 Minuten geliefert, die sich gerade durch die Ruhe und den Fokus auf den Dialogen nach 10-20 mehr anfühlen. Gäbe es nicht die große Schwäche am Ende des Filmes, wäre Eubank hier wohl so etwas wie ein Geheimtipp gelungen. So ist es leider lediglich ein solider Genrebeitrag geworden, den ich Kinogängern lediglich bei akuter Langweile empfehlen würde. Ein Gang zur Videothek in ein paar Monaten reicht völlig aus. Dann ist The Signal ein abendfüllender SciFi-Thriller, der durchaus zu unterhalten weiß, wenn man über klar sichtbare Schwächen abseits von Optik und Technik hinwegsehen kann.
6/10
Montag, 7. Juli 2014
Gesichtet: No Turning Back - Locke
Ein wenig seltsam ist es schon. Als Film-Fan freut man sich ganz besonders auf die großen Produktionen. Die großen Namen. Die Filme mit den zwei- bis dreistelligen Budget-Beträgen.
Filme die unterhalten und die den Zuschauer mit positiven Gefühlen im Sitz zurücklassen und für eine gewisse Zeit eine Flucht vor dem Alltag boten. All das sind laute Filme. Sie sind aufwendig inszeniert, edel besetzt und publikumsfreundlich konzipiert. Spaß soll man haben, alles um sich herum vergessen und am Ende glücklicher aus dem Kino kommen, als man hineinging.
Dann aber gibt es auch die Filme, die all das nicht haben. Kleine, stille Produktionen, die man leicht übersieht und die nicht den Anspruch haben von einem großen Publikum wahrgenommen zu werden. Während all die Blockbuster und Kinohits - Ausnahmen ausgeschlossen - bewusst auf Unterhaltung und oberflächliche Abhandlungen von Emotionen und Charakteren fixiert sind, so sind es gerade die kleinen Filme, die einen gänzlich andern Weg gehen. Einen ganz besonderen Vertreter dieser Sorte durfte ich heute sehen: "No Turning Back" (Orginaltitel "Locke").
Und um meinen ersten Satz noch einmal aufzugreifen: Irgendwie sind es dann doch eben diese kleinen Filme, die mich mein Hobby so lieben lassen.
"No Turning Back" zu beschreiben ist so leicht wie bei kaum einem anderen Film, ihn jedoch zu erklären nicht. Fangen wir also mit der Beschreibung an.
Wir begleiten Ivan Locke (Tom Hardy) auf einer Autofahrt von Birmingham zu einem Krankenhaus in einer anderen, dem Zuschauer unbekannten Stadt. Locke ist erfolgreicher Baustellen-Manger, hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Es ist der Abend vor dem wohl größten Projekt seiner Karriere. Das Fundament für ein riesiges Gebäude soll gegossen werden und für den reibungslosen Ablauf dieser Aktion ist allein er verantwortlich. Doch er wird nicht da sein können, denn der wohl schlimmste Moment seines Lebens steht ihm bevor und er weiß, dass er kommen wird und wird bald begreifen müssen, dass sich Probleme im Privatleben nicht so rational lösen lassen, wie die auf der Baustelle.
Denn Locke ist verheirateter, zweifacher Familienvater, scheint glücklich mit Frau und Kindern im Eigenheim zu leben, wenn da nicht ein paar Stunden in seinem Leben gewesen wären, die ihn an diesem Abend einholen sollten. Locke hatte eine Affäre mit einer anderen Frau und genau diese bringt heute ihr gemeinsames Kind zur Welt.
Der 90-minütige Streifen ist in Echtzeit gedreht. Wir begleiten den Protagonisten die gesamte anderthalb-stündige Fahrt zum Krankenhaus, während wir ihm meist direkt ins Gesicht gucken. Nur ab und zu sehen wir verschwommene Lichter hinter regenüberströmten Fensterscheiben oder das Display des Boardcomputers, über das Locke Anrufe annimmt oder selber tätigt. Der Film spielt komplett im Auto, alle gesprochenen Worte erfolgen über das Telefon oder im Monolog. Dieser Minimalismus erlaubt es dem Zuschauer sich sehr intensiv mit dem Charakter auseinanderzusetzen und den nötigen Fokus auf die Gespräche zu legen, um so auch zwischen den gesprochenen Zeilen zu lesen. Die Dialoglastigkeit und die damit einherkommende Handlungsarmut ist ein großes Risiko, da die Gefahr besteht den Zuschauer zu langweilen oder sich in Belanglosigkeiten zu verlieren. Umso imponierender ist es, dass man Tom Hardy förmlich an den Lippen hängt und jedes Wort in sich aufsaugt. Die Dialoge generieren Spannung und das ist der größte Trumpf, den No Turning Back aufzubringen hat und wodurch er letztendlich auch voll uns ganz zu überzeugen weiß.
Die Erzählweise wird absolut auf diese minimalistischen Mittel beschränkt. Vergangenes und parallel Geschehendes wird lediglich nacherzählt oder über das Telefon vermittelt. Was auf der anderen Seite der Leitung geschieht bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen. Tom Hardy ist der einzige Schauspieler dieses Films den wir zu sehen bekommen. Doch diese One-Man-Show inszeniert er grandios und glaubhaft. In seinem Gesicht kann man förmlich alle inneren Denkprozesse lesen. Man leidet und fühlt mit. Man spürt die Überwindung, mit der er immer wieder Telefongespräche annimmt, nur um sich aufs neue mit Ehefrau, Chef und Kollegen duellieren zu müssen. Während dieser 90-minütigen Fahrt verliert Ivan Locke sein komplettes Leben und wie Hardy diese Entwicklungen spielt - wie er schreit, weint, fleht und wieder Hoffnung schöpft - sollte ihm endgültig viele Türen in Hollywood öffnen, nachdem er schon als Bane in "The Dark Knight Rises" und als vom inneren Schmerz zerfressener Martial-Arts-Kämpfer in "Warrior" brilliert hat. Man kann ihm den Erfolg wirklich nur wünschen, auch wenn "No Turning Back" wohl an der breiten Masse ohne Beachtung vorbeiziehen wird.
Und das kann ich sogar schon ein wenig nachvollziehen, denn letztendlich haben wir es hier mit absolutem Nischen-Kino zu tun. Ein Drama mit nur einem Darsteller, welches nur in einem Auto spielt und lediglich eine handvoll Kameraperspektiven bietet. Bei dem man sich auf Dialoge konzentrieren muss, außer Hardy kaum Schauwerte zu sehen bekommt und letztendlich konstant mit dem Niedergang eines Mannes zu tun hat, der versucht das Richtige zu tun, nachdem er einen Fehler begangen hat. Während Locke mit seinen inneren Dämonen, der Ehefrau und den Planungen für das morgige Großprojekt kämpft, kämpft der Zuschauer mit der Entscheidung, ob er es sich selbst zuzuschreiben hat, dass er in dieser Situation steckt oder ob er letztendlich das Opfer in einer Flut von Ereignissen ist, die ihn in einem höheren Maße bestrafen, als er es eigentlich verdient. Verdient dieser Mensch Vergebung oder doch genau das was er bekommt? Ist das Leben mit all seinen Konsequenzen nun gerecht oder ungerecht? Nach dem Abspann wird man mit diesen Fragen im Kopf wohl noch eine Weile rumlaufen. Der Film ist deprimierend, mitleiderregend und über Weite strecken trostlos. Die Autobahn auf der Locke unterwegs ist, ist ein symbolischer Weg zum Schlachthaus, den viele anonyme Mitreisende in ihren eigenen Gefährten begleiten, während der Regen die Lichter und Scheinwerfer zu surrealen Gemälden verzerrt. Die Szenerie untermalt den Film perfekt und lenkt nie von den Gesprächen oder Hardys Gesicht ab, denn diese beiden Elemente tragen den Film und machen ihn zu dem Erlebnis, das er nunmal ist, egal wie düster und hoffnungslos.
Es ist wohl kein Vebrechen, dass dieser Film somit von den meisten Menschen ungesehen bleibt. Es ist kein Unterhaltungsfilm, sondern einer, der den Zuschauer emotional in die Lage dieses leidenden Menschen versetzt, der händeringend um die Erhaltung seines Lebens ringt und letztendlich nur verliert. Doch Freunde von Dramen, hervorragenden Schauspielkünsten und Filmen mit Anspruch sollten sich das Werk von Regisseur Steven Knight nicht entgehen lassen, der hier wohl einen der stärksten Beiträge zu seiner Filmkarriere gedreht hat.
Diese Geschichte über das Leben zog mich runter, machte mich nachdenklich und hielt mich trotz Minimalismus fest umklammert. Es ist in Ordnung, wenn man sich nach diesem Film leer und traurig fühlt, denn man erlebte das Leben von der wohl schonunglosesten, aber auch einer sehr realistischen Seite. Und doch endet der Film mit einem Hoffnungsschimmer und einem neuen Leben. Ein Ende wie es wohl zwiespältiger kaum sein könnte, bei einem Film der kaum ist wie ein anderer.
8/10
Samstag, 7. Juni 2014
Gesichtet: Edge of Tomorrow
Live. Die. Repeat. Unter diesen drei Schlagwörtern läuft der erste Tom Cruise Film des Jahres 2014 in den Kinos an. Das es lediglich dieses Wort-Trio benötigt, um die Prämisse des Filmes zu erklären macht auf dem Papier nicht allzu viel Hoffnung. Doch Edge of Tomorrow kann sehr viel mehr, als sich auf dieses simple Credo zu verlassen.
Die Handlung ist tatsächlich ebenso simpel wie ausreichend: Leutnant Bill Cage (Tom Cruise) verdient seine Moneten eigentlich damit neue Rekruten für die globale Armee anzuwerben, denn vor einigen Jahren hat eine unbekannte Alienrasse - "Mimics" genannt - die Erde überrannt und die Menschen auf wenige Millionen dezimiert. Cage kennt das Schlachtfeld nur aus dem Fernsehen oder seinen Brandreden, wird aber zu seinem eigenen Entsetzen eines Tages völlig überraschend selber an die Front versetzt. Die Menschen bereiten sich auf die Finale Schlacht nach dem Motto "Alles oder Nichts" vor und wollen die Mimics mit einem Überraschungsschlag vernichtend schlagen. Doch wie zu erwarten geht der Angriff furchtbar schief und endet für die menschliche Rasse in einem Massaker, welches der Extinktion gleichkommt. Der völlig unerfahrene Cage stirbt auch. Doch er erwacht wieder. Am selben Morgen desselben Tages.
Nachdem der reichlich verwirrte Front-Frischling immer und immer wieder gestorben ist und denselben Tag x-fach durchlebte, beginnt er die Systematik zu verstehen. Dabei hilft ihm Kriegsheldin Rita (Emily Blunt), die einst im selben Kreislauf gefangen war, die Fähigkeit aber irgendwann verlor ohne den Grund zu kennen. Schon bald entdecken die beiden den Vorteil ihrer Situation: Cage kann den Tag immer wieder wiederholen und so nach einem Mittel suchen, um die Mimics zu besiegen und das Ende der Menschheit zu verhindern.
Liest man über "Edge of Tomorrow" so stoplert man ziemlich schnell und häufig über den Vergleich zu Videospielen und genau der trifft die Mechanik des Filmes auch perfekt. Das ständige Scheitern und wiederholen von Situationen kennen Gamer schon seit Jahrzehnten und hier erfährt es Tom Cruise am eigenen Leib, indem er selber erfährt wie es ist unendlich viele Versuche zu haben, um Probleme zu lösen.
Was furchtbar langweilig klingt setzt Regisseur Doug Liman tadellos um, indem er in den Wiederholungen die entscheidenden Fortschritte festhält, viel Humor hinzufügt und Schnitte so setzt, dass man schon Gesehenes eher erahnt, als das man es noch einmal sehen muss.
Es ist herrlich dabei zuzusehen, wie Cruise langsam immer mutiger wird und durch seine Übermotivation und die daraus resultierende Leichtsinnigkeit ein ums andere Mal sehr unnötige Tode stirbt. Die Gag-Dichte ist dabei trotz ernstem Thema und teils düsterer, derber Atmosphäre nicht zu verachten, was auch daran liegt, dass Cage seinen Alttag langsam auswendig lernt und anfängt mit den Leuten, die ihn umgeben zu spielen und sein Wissen zum Vorteil zu nutzen, sodass der Zuschauer an jedem neuen Morgen vorfreudig darauf wartet, wie er seinen Tagesablauf nun wieder verändert.
Was zudem wirklich Freude bereitet ist die tolle Chemie und Dynamik zwischen Tom Cruise und Emily Blunt. Die beiden Charaktere agieren hervorragend zusammen, liefern sich unterhaltsame Wortgefechte und gerade die Skrupellosigkeit und Härte von Blunts Charakter Rita sorgt für einige Lacher. Beide spielen hier wirklich gut mit und tragen den Film komplett. Man sieht, dass hier mit viel Spaß gearbeitet wurde.Um die beiden Hauptdarsteller herum wurde ein solider Cast zusammengestellt, der sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern lediglich die Performance von Cruise und Blunt unterstützt, gerade im zweiten Drittel des Filmes sind die beiden sogar nur zu zweit unterwegs, sodass der Fokus auf ihnen und der sich aufbauenden Beziehung liegt, die - typisch Hollywood - am Ende in der obligatorischen Liebesgeschichte endet.
Der Film hat wirklich fulminant gedrehte Szenen mit tollen Kamerafahrten und Effekten. Die hoffnungslosen Schlachten gegen die Aliens sind bombastisch und intensiv in Szene gesetzt. Parallelen zur D-Day-Szene eines "Soldat James Ryan" sind definitiv vorhanden, jedoch gelungen an das futuristische Szenario angepasst.
Wenn die menschlichen Rekruten in ihren Exoskeletts gegen die blitzschnellen, heimtückischen Kreaturen ins Gefecht ziehen, dann schepperts und explodiert es an allen Ecken und Enden. Die Schlachten wirken herrlich dreckig und brachial und bieten eine gelungene Abwechslung zu den ruhigen Planungsszenen und emotionalen Momenten zwischen den Charakteren. Was das angeht, bekommt der Zuschauer hier einen typischen amerikanischen Actionfilm. Das Szenario ist jedoch erfrischend und die Geschichte weckt Neugier, auch wenn die Auflösung gegen Ende deutlich weniger spektakulär ist, als erhofft. Bis dahin gibt sich "Edge of Tomorrow" jedoch keine Blöße und zieht sein "Live. Die. Repeat."-Programm mit aller Konsequenz äußerst unterhaltsam und kurzweilig durch. Nochmal: Trotz der vielen Wiederholungen des Szenarios wird der Film durch viele Nuancen, den Humor und den Fortschritt der Charaktere einfach nicht langweilig. Durchaus bemerkenswert, dass dieses Kunststück so gut gelingt!
Somit bekommt man unterm Strich einen wunderbar unterhaltsamen Actionfilm mit erfrischender Idee, die mit ihrem videospielbasierten Ablauf viel richtig macht und nicht an Humor spart. Es ist kein anspruchsvoller Film und auch bei Weitem keiner, der emotional berühren kann oder will, so wie es viele Kriegsfilme (sei es realistisch oder futuristisch) versuchen. Der Film ist von der ersten Bis zur letzten Minute Blockbuster-Unterhaltungskino mit zwei toll harmonisierenden Hauptdarstellern und genug Action, um im Gedächtnis unter "lohnenswert" abgestempelt zu werden. Zwar spielt die Geschichte ihr Potential nicht aus und gerade die Auflösung wird viele Kinogänger enttäuschen, aber bis dahin wird man nach allen Regeln der Kunst unterhalten und das vor nachvollziehbarem futuristischem Szenario. Und das erwarte zumindest ich von einem Action-SciFi-Mix im Jahr 2014.
7/10
Freitag, 6. Juni 2014
Gesichtet: X-Men - Zukunft ist Vergangenheit
Spiderman, Thor, Iron Man, demnächst Guardians of the Universe. Mittlerweile kann man sich als Kinogänger kaum noch vor Filmen auf dem Comicuniversum von Marvel retten. Die hauseigenen Filmstudios hauen in Fließbandproduktion einen Kino-Blockbuster nach dem anderen auf die Leinwände und verlassen sich dabei auf ein und dieselbe Formel: bildschirmfüllender Effektbombast, billiger Witz und Hintergrundgeschichten, die auf Anhieb jeder verstehen kann ohne den Kopf bemühen zu müssen. Zugegebenermaßen bin ich alles andere als ein Fan von den Avengers und ihren Kameraden, aus Gründen auf die ich später noch eingehen werde, jedoch zog es mich gestern freiwillig in das örtliche Kino, um den neusten Marvel-Streifen zu sehen: X Men - Zukunft ist Vergangenheit. Meinen Besuch rechtfertigte vor allem der Vorgänger "Erste Entscheidung", der in all dem austauschbaren Marvel-Wulst einen interessanten Widerstand bot. Machen wir es kurz: Das, was ich gestern sah reicht nicht an den ersten Teil der geplanten Trilogie heran. Jedoch nicht unbedingt aus den Marvel-typischen Gründen.
Die erste größere Überraschung des Films dürfte - zumindest für die uninformierten Kinobesucher - der Anfang sein. Die ersten Bilder zeigen eine völlig zerstörte, postapokalyptische Welt. Menschen und Mutanten sind nahezu völlig ausgestorben. Der Grund dafür sind vom Menschen geschaffene Maschinen, die Sentinels. Ursprünglich dazu entwickelt die Welt von Mutanten zu befreien, richteten sie sich auch gegen ihre menschlichen Erfinder. Nur wenige Mutanten befinden sich auf der Flucht und suchen fiebrig nach einem Mittel, um ihre Verfolger zu besiegen. Unter ihnen befinden sich die altbekanten Recken Wolverine (Hugh Jackman), Storm (Halle Berry), Professor X (Patrick Steward) und Magneto (Ian McKellan). Und genau an diesem Punkt sollten Kenner der Filme die Stirn runzeln, bildet diese Schauspielerriege doch die Besetzung der abgeschlossenen Trilogie aus den Jahren 2000 bis 2006. Im Vorgängerfilm sah man eine Art Vorgeschichte zu eben diesen Filmen, in der sich die X Men als Teenager bzw. junge Erwachsene kennenlernten und die legendäre Gruppe formten, die Fans schon seit Jahrzehnten in Form von Comics begleiteten.
Nun jedoch sehen wir zunächst die Besetzung der letzten Filme, wie sie vor ihren übermächtigen Jägern fliehen und sich in einer Bergfestung verschanzen, um verzweifelt einen letzten Rettungs-Versuch zu wagen:
Jemand von ihnen muss mit Hilfe der Fähigkeiten von Zeitmanipulations-Mutantin Shadowcat (Ellen Page) in der Zeit zurückreisen, um die Erfindung der lebensbedrohlichen Maschinen zu verhindern.
Der einzige Mutant, der für eine solch strapaziöse Zeitreise in Frage kommt ist Wolverine, auf dem nun - Marveltypisch - die Hoffnungen der verbleibenden Menschen und Mutanten lasten. Nur er kann das Aussterben verhindern. Doch in der Vegangenheit muss er erst einmal das zerstrittene Trio Xavier (James McAvoy), Raven (Jennifer Lawrence) und Erik (Michael Fassbender) alias Mister X, Mystique und Magneto zusammenführen, um gemeinsam gegen Professor Bolivar Trask (Peter Dinklage) vorzugehen, der mit Hilfe von Mystiques Genen kurz davor ist die Sentinels zu erschaffen.
Der Plot des Filmes wirkt interessant, jedoch hat sich die Xmen-Reihe damit dem Rest der Marvel-Filme noch stärker angenährt. Während die erste Trilogie mit ihrem Kampf Mensch gegen Mutant noch als eine Parabel auf unsere heutige Gesellschaft gesehen werden könnte, geht es nun um simple Schwarz-Weiß-Malerei, oder: Gut gegen Böse, die Xmen gegen Trask und die Sentinels und Magneto gegen den Rest. Das nimmt dem Film die Tiefe, bietet aber mehr Platz für Action und Humor (s. alte Marvel-Formel). Und in den beiden Punkten bietet der Film eine für eine Produktion des Comic-Giganten überdurchschnittliche Qualität an. Während man in Thor regelrecht mit CGI zugeballert wurde und eine Action-Szene die nächste jagte, hat "Zukunft ist Vergangenheit" ein Pacing entwickelt, welches sehr viel abwechslunsgreicher und somit wohlschmeckender ausgefallen ist. Es gibt viele Dialog-Passagen, die mal für mal von plötzlich ausbrechender Action abgelöst werden. Das sorgt dafür, dass der Zuschauer am Ball bleibt und sich nicht wie bei Iron Man und Konsorten nach kurzer Zeit des Denkens entledigt, um ohne gefordert zu werden dem bunten Trubel auf der Leinwand zu folgen. Auch in Sachen Humor wird eine weniger plakative Fahrtrichtung eingeschlagen. Statt plumpen One-Linern wird hier mehr auf situationsbedingte Komik und subtile Anspielungen gesetzt, was definitiv als Verbesserung zu Filmen der anderen Marken verstanden werden kann.
Am besten jedoch funktioniert der Film, wenn er beide Elemente mischt und das hat Regisseur
Bryan Singer, welcher auch schon Teil eins und zwei der ersten Trilogie abdrehte, das ein oder andere Mal wirklich toll umgesetzt. Ohne viel zu spoilern gehört die Ein- und Ausbruch-Szene im Pentagon zu den besten und unterhaltsamsten Kinomomenten seit langer Zeit. Natürlich spielt den Machern des Filmes da auch das Universum der Xmen in die Karten, da es schier unendlich Fähigkeiten gibt, mit denen sich die Schreiberlinge und Effektdesigner nach Laune austoben können und so wirklich einzigartige Momente schaffen.
Der zweite große Pluspunkt ist, dass man sich plotbedingt an den beiden hochkarätigen Besetzungen des Trilogie-Duos bedienen darf und so ein selten dagewesenes Staraufgebot vorweisen darf, das sich eigentlich nur hinter den Expandables verstecken muss. Bei Weitem nicht alle Hollywood-Sternchen haben ihre berechtigte Screentime bekommen und so werden Halle Berry, Ellen Page und einige andere fast schon verheizt nicht zuletzt, weil Zweidrittel des Filmes nun mal in der Vergangenheit spielen und sich so um den jüngeren Cast rund um Fassbender, McAvoy und Lawrence drehen. Lediglich Serien-Veteran Hugh Jackman kann da als Wolverine mithalten.
Das klingt alles nach einem absoluten Kinoblockbuster und bleibt man bei diesen Punkten, wird der Film diesem gesteckten Ziel auch absolut gerecht. Was jedoch sein größtes Problem ist, ist der Plot. Die beiden Casts aller Film-Teile zu vereinen war eine tolle Idee und die Zeitreise dafür natürlich die dankbarste Lösung. Jedoch hatte ich ein riesen Logikproblem, welches mir nachhaltig viel am Film kaputt gemacht hat. Warum reist Wolverine in die Vergangenheit? Um den bösen Professor davon abzuhalten fiese Killermaschinen zu bauen! Und warum bringt er diesen Bösewicht nicht in einem einsamen Moment (und davon gibt es im Film einige) einfach zur Strecke, sodass seine geheimen Forschungen und Ideen einfach mit ihm sterben? Weil man dann nicht genügend Plot-Twists und Material für 120 Minuten Film hätte! Alles was nach der Zeitreise Wolverines kommt macht streng genommen einfach keinen Sinn. Er muss weder die drei zerstrittenen Jugendfreunde einen, noch seine Widersacher über den halben Erdball verfolgen. Er müsste nur in eine Wohnung einbrechen und seine klingenbesetzen Hände in die Brust eines Mannes stecken: Problem gelöst. Stattdessen werden im Laufe des Filmes wahnsinnig viele Menschen- und Mutantenleben in Gefahr gebracht und teilweise sogar genommen. Es macht einfach keinen Sinn!
Und daran hatte ich den ganzen Film zu kauen und deshalb konnte er mich mit dem was im Mittelteil und bis zum spannenden Showdown angeboten wurde nicht mehr besänftigen: Es ist einfach ein nicht übersehbarer großer Fehler, der den ganzen Film als eine einzige große Konstruktion enttarnt. Goodbye Logik, Hallo Action! Die von mir gehasste Marvel-Formel findet nun auch in diese Serie Einzug!
Natürlich: Wäre es anders gekommen, hätte ich womöglich niemals gesehen wie Magneto ganze Stadien aus dem Boden reißt und auch der ein oder andere emotionale Moment hätte nicht stattgefunden, aber eine Begründung für all das hätte mir der Film liefern müssen!
Da trösten mich dann auch nicht mehr die grandiosen, bildschirmfüllenden Effekte, die tollen Kamerafahrten und das Duo Fassbender-Lawrence, welches alle anderen im Film in Grund und Boden spielt. Es gibt sogar einen weiteren Schwachpunkt, von dem ich vorher niemals gedacht hätte, das er existieren könnte: James McAvoy! Der spielt den jungen Charles Xavier sehr ernüchternd. Es gibt sogar eine Szene zwischen ihm und Fassbender, die eigentlich emotional berühren sollte, aber dafür sorgte, dass der ganze Saal in Gelächter ausbrach. Dass dieser Mann, der in "Drecksau" eine wirklich beeindruckende Performance lieferte, jemals so enttäuschen kann, hätte ich zuvor nie gedacht. Aber vielleicht passt das letztendlich auch zum Film, der nicht halten kann, was er nach dem ersten Teil des Tripletts versprach.
Was bleibt ist ein spaßiger Actionfilm im X Men-Universum, der grandiose Momente hat, aber im Gesamtbild einfach nicht gewinnen kann. Der Plot im Mittelteil ist einfach nur konstruierter Schwachsinn, umringt von einem tollen Anfang und einem spannenden Finale. Die Stars geben sich reihenweise die Klinke in die Hand, doch Jennifer Lawrence und Michael Fassbender verdrängen den Rest des Ensembles ohne jede Mühe. Man spürt die Vision von Singer, welche er beim Dreh des Streifens hatte, an jeder Ecke des Filmes, aber letztendlich lag es wohl am Drehbuch, dass daraus leider mehr Marvel-Film wurde, als es ihm eigentlich gut tat. Schade!
6/10
Donnerstag, 1. Mai 2014
Gesichtet: Mud - Kein Ausweg
Jeff Nicols ist ein noch unbeschriebenes Blatt im Mainstream-Kino. Der 36-jährige Amerikaner zählt zu den jüngeren Regisseuren im Business und seine Filmographie enthält dementsprechend nur eine Hand voll Werke. Jedoch hat er ein kleines Kunststück vollbracht, welches nur wenigen Filmemachern in ihren frühen Phasen gelingt: Er hat sich bisher noch keinen Fehlgriff geleistet. Redet man über ihn, so liegt zumindest mir das Wort "Geheimtipp" immer auf den Lippen, denn seine drei bisher veröffentlichten Arbeiten zählen zu den Filmen, die ich bedingungslos weiterempfehlen könnte. Einen von diesen Dreien habe ich soeben erst beendet. "Mud" heißt er und unterscheidet sich sehr von dem, was man von Nicols bisher sehen konnte. Dass er auch Dramen drehen kann, spricht sehr für ihn. Und sehr viel spricht auch für "Mud".
Ich muss zugeben, dass ich bis vor ein paar Tagen nichts von Mud wusste, geschweige denn, dass es einen neuen Film von Jeff Nicols gibt. Schon 2012 abgedreht hat er jetzt erst den Weg nach Europa gefunden, obwohl die Besetzung und der Produktionsrahmen keinen kleinen Film vermuten lassen. Gerade weil Nicols letztes Werk "Take Shelter" in den deutschen Kinos lief, wunderte es mich doch warum es dieser Film nicht doch zeitnah zum Amerikastart zumindest in die Videotheken geschafft hat. Wahrscheinlich lassen sich Psychothriller einfach leichter vermarkten als Coming of Age-Dramen. Die Vermutung liegt nahe, dass der Film nun auf Grund von Matthew McConaugheys Oscar-Gewinn von den Studios in Europa vermarktet werden wollte, um aus dem Trubel um den jüngst so erfolgreichen Schauspieler einen möglichst großen Profit zu ziehen. Jedoch hat Mud es gar nicht verdient im Schatten eines größeren Filmes unter das Volk gejubelt zu werden, auch wenn er als kleinerer Film natürlich nicht mit der Relevanz eines "Dallas Buyers Club" Schritt halten kann.
McConaughey ist jedoch keineswegs die Hauptfigur des Filmes, was die Plakate suggerieren. "Mud" erzählt die Geschichte der beiden Teenager Ellis (Tye Sheridan) und Neckbone (Jacob Lofland), die als beste Freunde zusammen am Mississippi aufwachsen, jedoch ist die Geschichte wesentlich näher an Ellis, als an Neckbone erzählt. Der 14-jährige lebt mit seinen Eltern in einem Hausboot an einer ruhigen Stelle des Flusses. Die Familie ist alles andere als wohlhabend, aber das scheinen die Leute in der Gegend wohl alle zu sein. Ellis Leben ist geprägt von tagtäglichen kleinen Abendteuern in der Natur, der Arbeit mit seinem Vater und dem ersten Interesse an dem anderen Geschlecht bis zu dem Tag, an dem er mit Neckbone auf einer verlassenen Insel ein Boot entdeckt, welches von einem Sturm in die Krone eines Baumes geschleudert wurde. Während sie die Innenräume des Bootes erkunden bemerken sie, dass dieses scheinbar bewohnt ist, denn dort versteckt sich der scheinbar obachlose Mud (Matthew McConaughey). Ellis ist sofort angetan von dem interessanten, offenen, wortgewandten Mann in den dreckigen Klamotten. Schon im ersten Gespräch stellt sich raus, dass Mud auf der Flucht ist. Er ist ein Mörder und wird von der Polizei und einer Kopfgeldjägerbande gesucht. Den Mord beging er um seine große Liebe Juniper (Reese Whiterspoon), was den beiden Jugendlichen sehr imponiert. Sie beschließen Mud zu helfen das gestrandete Boot zu reparieren und somit Mud und Juniper eine Möglichkeit zu geben zu fliehen. Doch die Verfolger nehmen schon bald Muds Spur auf.
Was sich wie ein Thriller liest ist eigentlich ein schöner, ruhiger Coming of Age-Film über eine ungewöhnliche Freundschaft und das Erwachsen werden. Ellis findet in Mud einen Freund, der ihn das Scheitern der Ehe seiner Eltern und die ständigen Geldprobleme vergessen lässt. Das Ziel das Boot für Mud seetauglich zu machen scheint den beiden Jungs aus einfachen Verhältnissen eine Reifeprüfung und ein Abenteuer zugleich zu sein. Sie besorgen für Mud Lebensmitte, aber auch Ersatzteile für das Boot. Muds Situation und seine Liebesgeschichte inspirieren sie dazu selbst mutiger zu werden, sich gegen Probleme zu wehren und der ersten Liebe nachzulaufen anstatt sie nur von Weitem zu betrachten. Wir sehen hier das große Abenteuer zweier Jungs, die den Anfang ihrer Pubertät durchleben mit allen Problemen und Veränderungen, mit Erfolgen und Enttäuschungen.
Mud hingegen bietet den Kontrast. Von ihm geht das Ungewisse, womöglich auch Gefährliche aus. Er wird von Allen, die ihn kennen als chronischer Lügner bezeichnet, als schwerer Mensch. Auf die Jungs und auch auf den Zuschauer wirkt er hingegen komplett anders, was seine Person angenehm undurchschaubar macht und auch innerhalb des Filmes für den ein oder anderen Twist sorgt. Jedoch sollte man von Mud keine Action oder temporeiche Spannung erwarten. Letztere wird durch die Beziehungen zueinander geschaffen, ebenso wie durch den undurchdringlichen Namensgeber des Filmes. Er ist ein charmanter Kerl, dessen Aussehen konträr seinem Intellekt und seiner Gutmütigkeit steht. Jemand den man einfach nie ganz durchschaut und daher ein interessanter Freund für die beiden jungen Hauptdarsteller.
Der heimliche Star des Filmes ist der Mississippi und seine dichten, urigen Wälder, in denen der Film zum Großteil spielt. Wenn Ellis mit seinem Boot über den Fluss schippert, dann gibt es nichts außer ihm und den umliegenden Sümpfen. Die Natur wirkt ebenso unberechenbar wie Mud selber. Gegenpol dazu sind die eher einfachen Städtchen und Behausungen, in denen die Menschen wohnen. Durch die langsamen Schnitte des Filmes und die großzügigen Kameraschwenks kommen die Locations toll zur Geltung uns lassen eine tolle, leicht hitzige Sommeratmosphäre entstehen, in der man die schwule Luft und die Brise auf dem Fluss fast schon spüren kann.
Ein großes Lob muss man auch an die Besetzung aussprechen, denn der Film ist bis in die kleinste Rolle toll und passend gefüllt. Das fängt natürlich bei den beiden Jungs an. Die bis dato eher unbeschriebenen Sheridan und Lofland spielen die beiden wahnsinnig routiniert und emotionsgeladen zwischen Kind und jungen Erwachsenen. Die Dynamik zwischen den beiden stimmt einfach und wird ergänzt von einem großartigen McConaughey, dem die Rolle sichtlich am Herzen lag und der den heruntergekommenen Flüchtligen nicht nur spielt, sondenr regelrecht lebt. Dies ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass wir von diesem Mann als Schauspieler in Zukunft spektakuläres zu erwarten haben, nun da er dort engelangt ist, wo er hingehört: Bei den anspruchsvollen Charakterrollen.
Auch die Nebenrollen nehmen ihren Job ernst. Endlich konnte man wieder mal eine Reese Witherspoon in einer ansprechenden Rolle sehen, nachdem sie sich in letzter Zeit eher rar gemacht hatte. Tom Shepard gibt einen herrliche fiesen Bösewicht, der sich jedoch angenehm im Hintergrund hält und den Fokus auf der Beziehung zwischen Mud und den Jungs lässt, anstatt den Film in Richtung "Mud gegen Kopfgeldjäger" zu drehen. Der Film benötigt definitiv diesen Nebenstrang, um gelegentlich Tempo aufnehmen zu können, die Balance zwischen beiden Seiten wurde absolut gefunden.
Farblos hingegen blieb Michael Shannon in der Rolle von Neckbones Onkel, welcher nach seiner spektakulären Performance in Take Shelter hier eher nochmal als besonderer Gast zu sehen ist. Jedoch hätte man ihn nicht für eine solch unbedeutende Rolle verheizen sollen.
"Mud" ist ein runder Film geworden. Auf dem toll gefilmten Mississippi und dessen Umlanden wird die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft gezeichnet, der immer etwas unberechenbares und daher interessantes zu Grunde liegt. Die Schauspieler machen aus der grundsoliden Geschichte ein tolles Erlebnis. Der Film pendelt zwischen Feel-Good-Movie und Drama mit Herz. Eine angenehme Mischung, die den Zuschauer kombiniert mit der einnehmenden Atmosphäre der Lokationen im Bann hält. Der Film hat ein angenehmes Tempo, wird nie hektisch, aber auch nur selten langweilig, was bei einer Spieldauer von 130 Minuten genrebedingt wohl nicht ausbleibt. Jedem Fan von herzerwärmenden Filmen sei dieses Machwerk ans Herz gelegt. McConaughey Fans, sowie Sympathisanten ansprechenden Schauspiels sowieso.
Jeff Nicols hat es auch hier wieder geschafft einen guten, sehr sehenswerten Film abzuliefern und man kann gespannt sein, was in Zukunft noch von ihm gedreht wird.
7/10
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